ERINNERUNG
von
Brian Heumann
SMASHWORDS EDITION
PUBLISHED BY:
Brian Heumann on Smashwords
Erinnerung von Brian Heumann
Copyright © 2010 by Brian Heumann
Smashwords Edition Lizenz
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20. Mai 2019
Das Klingeln des Telefon erlöste ihn aus seiner Starre am Schreibtisch. Schnell nahm er den Telefonhörer ab. Endlich rief sie an!
„Hallo, Schatz!“, begrüsste sie ihn fröhlich.
„Ja, hallo! Wie geht es Dir denn? Ist der Tag auch gut zu Dir?“, fragte er.
„Ach, frag‘ lieber nicht!“, seufzte sie, „Er fing schon schlecht an. Als ich aus unserem Haus bin, hat es schon angefangen zu schütten. Weil ich vor lauter Regen so schlecht sehen konnten, war bereits die Fahrt ins Büro anstrengend. Und scheinbar sind alle Leute verrückt geworden, denn trotz des schlechten Wetters fuhren alle so wild wie die Henker …“
Er hörte Ihrem nicht ganz ernst gemeinten Jammern geduldig zu, wurde aber zunehmend irritierter. Denn heute Morgen war strahlender Sonnenschein gewesen. Alle Leute freuten sich über das gute Wetter und waren deswegen sehr zuvorkommend. Es störte ihn, dass sie offensichtlich einen ganz anderen Morgen verbracht hatte.
„Hast Du auch an Michaels Geburtstag gedacht?“ fragte sie und riss ihn damit aus seinen Gedanken.
„Ja, das habe ich. Er möchte, dass wir zu Ihnen rausfahren. Ich glaube, er feiert seinen Geburtstag wieder mal sehr gross.“, antwortete er.
Sie lachte auf und meinte: „So ist er halt! Einfach immer in Fahrt. Und an seinem fünfzigjährigen Geburtstag wird er sicher keine Ausnahme machen!“
„Schatz, er feiert bereits seinen 52. Geburtstag …“
„Wie bitte? Nein, kann nicht sein, er feiert dieses Jahr seinen runden Geburtstag. Da bin ich mir aber ganz sicher!“
Er sagte leise, aber bestimmt: „Glaube mir, er ist mein Jahrgang. Und es ist sein 52. Geburtstag …“
Sie schwieg …
Vor 6 Monaten
Der Berater von der Softwarefirma überreichte sein Visitenkarte, setzte sich hin und eröffnete dabei das Gespräch: „Zunächst einmal mein herzliches Beileid über den schmerzlichen Verlust Ihrer Frau!“
Der Mann blickt auf die Visitenkarte und hält sie regungslos zwischen seinen Fingern. „Danke“, murmelte er. Auch nach einem Jahr hielt ihn die Trauer in ihrem festen Griff. Wie durch einen Tunnel sah er auf die Visitenkarte und hörte die Stimme des Beraters nur gedämpft, wie aus einem anderen Raum.
„Ich weiß, das ist jetzt ein großer Schritt für Sie. Sind Sie denn schon bereit dazu?“, fragte der Berater und beobachtete aufmerksam den Mann.
„Ja“, sagte dieser leise, „ich denke schon.“
„Gut, dann möchte ich zunächst einmal alles über Ihre Frau wissen, an das Sie sich erinnern können…“
Der Mann schaute weiter auf die Visitenkarte, immer noch ohne Regung. Schliesslich nickte er langsam und hob den Kopf. Mit leiser Stimme begann er zu erzählen …
22. Mai 2019
Er blickte von seinem Schreibtisch auf, wo er konzentriert über Pläne und andere Formulare gebrütet hatte. Sein Blick fiel auf die Uhr auf seinem Schreibtisch. Es war mittlerweile 12.00 Uhr, und sie hatte noch nicht angerufen. Er fragte sich, was vorgefallen sei und wandte sich zunächst wieder seiner Arbeit zu.
Aber bald blickte er wieder zerstreut auf. Es waren gerade erst 5 Minuten vergangen und er wurde immer unruhiger. Er fuhr sich mit seiner Hand durchs Haar, und stand vom Schreibtisch aus. Er trat an den Schrank mit der Kaffeemaschine und goss sich einen Kaffee ein. Mit der dampfenden Tasse trat er an das Fenster und blickte hinaus. Beim Kaffeetrinken drehte er sich mehrmals um und blickte auf die Uhr.
Wenig später ging er zurück an seinen Schreibtisch und beugte sich über den Bildschirm, um nach einer Email oder einer anderen Nachricht von ihr zu schauen. Er aktualisierte alle Nachrichtenfenster, mehrfach, aber ... nichts. Es gab keine neuen Nachrichten von ihr. Beunruhigt trat er wieder ans Fenster, und versuchte seine aufkommende Sorge zu beherrschen, was ihm nur schlecht gelang. Schließlich setzte er sich wieder an den Schreibtisch, zog eine Visitenkarte aus der Schublade und griff nach dem Telefon.
Er meldete sich mit seinen Namen und verlangte nach dem zuständigen Servicetechniker. Während er verbunden wurde, prüfte er auf seinen Computer wieder auf eine neue Nachrichten. Aber immer noch keine Nachricht von ihr.
„Ja, was kann ich für Sie tun?“, meldete sich nach einer kleinen Weile der Servicetechniker.
„Guten Morgen, ich rufe an, wegen … “. Er sammelte sich wieder und fuhr fort: „Nun es ist so, dass sich meine Frau nicht bei mir meldet! Ich weiss nicht warum, aber sie meldet sich normalerweise immer zwischen 10 und 11 Uhr. Jetzt ist es bereits 12 Uhr durch und ich habe immer noch keine Nachricht von ihr!“
„Hmm, eine knappe Stunde. Sie wissen aber schon, dass das noch im Rahmen der vereinbarten Toleranzen liegt?", brummte der Servicetechniker etwas ungehalten.
„Ja, ich weiss, aber es ist trotzdem so ungewöhnlich, dass sie nicht anruft! Denn zwischen 10 und 11 Uhr macht sie immer Pause und ich kann mir die Zeit frei einteilen. Deswegen telefonieren wir täglich um diese Zeit, und bisher hat das auch immer geklappt! Aber das habe ich doch alles Ihren Kollegen für die Einstellungen erzählt!“
Wieder brummte der Servicetechniker etwas, was sich nach "Einen Moment!" anhörte. Nach ein paar Momenten meldete er sich wieder, dieses Mal etwas freundlicher: „Ich habe das System gerade überprüft, und diese Zeitspanne ist noch nicht ausreichend berücksichtigt. Das kann ich gleich veranlassen…“
„Und der Anruf heute?“, fragte der Mann nervös.
„Den kann ich heute manuell durchstellen. Sobald sie auflegen, wird sie sich bei Ihnen melden.“
„OK, danke!“, murmelte der Mann erleichtert und legte auf. Dann schaute er abwartend auf das Telefon, das wenig später klingelt.
„Hallo Schatz!“ begrüsste ihn seine Frau.
Erleichtert lehnt er sich zurück und macht es sich bequem auf seinen Stuhl. „Hallo …“
Vor 6 Monaten
„Was soll das Ganze denn bedeuten?“ fragte der Mann unsicher nach.
Der Berater erklärte: „Unsere Kunden sind meistens trauernde Angehörige, die den Verlust eines geliebten Partners oder eines Kindes nicht verschmerzen können. Auch wenn keine Technik dieser Welt einen Toten wiederbringen kann, so können wir die Kommunikation mit diesen Menschen rekonstruieren. Wir bieten keine Flucht in die alten Zeiten an, so wie sie manche unseriöse Firmen mit Hilfe von Videoclips oder Drogen anpreisen. Sondern wir bieten Ihnen einen Weg, Ihre Gespräche mit den geliebten Menschen fortzusetzen.
Aus Ihren bisherigen Emails, Telefonaten und anderen Quellen, formen wir ein Kommunikationsprofil, das sich dynamisch auf das aktuelle Wetter, Nachrichten oder sonstige Ereignisse beziehen kann. Es berücksichtigt auch Ihren privaten Kalender und reagiert entsprechend in ihren Gesprächen. Wir erschliessen immer neue Informationsquellen, und so wächst das Kommunikationsprofil immer weiter und kommuniziert mit Ihnen über alle Dinge in Ihrem Alltag. Und anstelle einer stetigen Reflexion, womit zum Beispiel das Ursprungsprogramm Eliza die Welt verblüfft hat, verwenden wir modernste Lerntechniken der künstlichen Intelligenz um dem Kommunikationsprofil eigene Schlüsse zu ermöglichen. So bleibt die Kommunikation immer intelligent und interessant, und sie entwickelt sich wie bei einem echten Menschen immer weiter. Nach einer Zeit der Eingewöhnung werden Sie kaum einen Unterschied mehr bemerken.“
Der Mann blickte auf, zum ersten Mal schienen seine Augen lebendig und interessiert: „Das heißt, ich kann dann wieder mit ihr sprechen?“
Der Berater seufzte innerlich. Eigentlich müsste er darauf verweisen, daß der Kunden mit einem virtuellen Kommunikationsprofil spricht und nicht mit der Toten… Aber seiner Erfahrung nach legten die trauernden Kunden keinen Wert auf diesen Unterschied. Sie hingen alle der Hoffnung nach, das etwas vom Wesen der Verstorbenen sie weiter durch ihr zukünftiges Leben begleiten würde. So klein diese Hoffnung auch war, auf ein virtuelles Abbild ihrer Lieben mochten sie nicht verzichten, auch wenn es nur sprechen oder schreiben konnte.
Er schluckte seine Bemerkungen, die ihm auf der Zunge lagen, wieder herunter und antwortet statt dessen mit sicherer und selbstbewusster Stimme: „Ja, Sie werden sie bald wieder sprechen.“
12. Juni 2019
An diesem herrlichen Morgen stellte er die Fenster so ein, dass das Büro mit hellem Sonnenlicht durchflutet wurde. Das erste Mal seit vielen Monaten freute er sich über das Geschenk eines schönen Tages. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und begann gut gelaunt mit seiner Arbeit. Der Morgen verging wie im Flug, und als das Telefon klingelte, hob der Mann überrascht seinen Kopf. Er blickte ungläubig auf seine Uhr, und nahm kopfschüttelnd das Telefon ab.
„Hallo Schatz!“, begrüßte sie ihn.
„Ja, hallo …“, erwiderte er lächelnd, und lehnte sich zurück, um es sich bequemer zu machen …
ENDE
Über den Autor:
Brian ist sonst nicht so. Aber dieses Mal hat er sich hinreißen lassen und eine Kurzgeschichte geschrieben anstelle eines Fachartikels. Viel Spaß beim Lesen!
About the author:
Brian was besides himself. And this time he went and wrote a short story instead of non-fictional articles. Have fun!
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